Thomas

Das Interview

Thomas - 37 Jahre


Zum Schluss hatte ich Thomas zu mir eingeladen. Als er das Zimmer betrat, schloss er die Tür vorsichtig hinter sich und kam lächelnd zu mir. Er gab mir bloß seine Hand, sie war groß, sehr stark und warm. Ich ließ sie ungern los.

»Darf ich mich hier setzen?«

Ich nickte ihm zu. Er schien ausgesprochen höflich zu sein. »Das Wasser ist für dich. Stell dich doch bitte vor, wie heißt du und wie alt bist du?«

Er machte es sich breitbeinig im Sessel bequem und stützte sich mit einem Ellenbogen auf der Lehne ab. »Ich heiße Thomas Pablo Leal Tabares und bin 37 Jahre alt.«

»Du siehst mehr nach einem Latino aus als dein Bruder.«

Er lächelte. »Wir sind nur Halbbrüder. Seine Mutter war blond und sehr weiß.«

Ich nickte. »Was machst du beruflich?«

»Ich bin Tierfänger.«

»Kannst du das ein bisschen näher erklären.«

Er lehnte sich zu mir und verzog seine Mundwinkel sehr bedacht zu einem breiteren Lächeln, dabei starrte er mir in die Augen. 

Ich schluckte und zog mich etwas zurück. »Ich meinte es nicht wörtlich, sondern würde gern mehr von deinem Berufsleben erfahren.«

Er lachte und setzte sich wieder auf. »Ich stehe auf Abruf bereit, wenn sich Wildtiere in Gärten und Häuser verirren. Von harmlosen Kornnattern bis zu gefährlichen Alligatoren.«

»Und was passiert mit den Tieren, wenn du sie eingefangen hast?«

»Wenn sie unverletzt sind, bringe ich sie aus dem Wohngebiet raus und lasse sie wieder frei. Verletzte Tiere fahre ich ins Umweltschutzzentrum, damit andere sich darum kümmern  können. Ich kartiere auch für das Zentrum und bilde Biologiestudenten im praktischen Umgang mit Wildtieren aus.«

»Wow, das klingt toll. Mein Mann hat einen ähnlichen Beruf, aber er arbeitet mit weniger gefährlichen Tieren.«

»Schade.«

»Dass er mit weniger gefährlichen Tieren arbeitet?«

Er lachte und musterte mich von Kopf bis Fuß. »Nein, schade dass du verheiratet bist.«

Meine Wangen wurden heiß und ich sah auf meinen Block und tat so, als ob ich etwas Wichtiges notieren würde.

»Soll ich dir meine Nummer diktieren, wenn du schon am Schreiben bist?«

Ich ließ genervt Block und Kugelschreiber fallen. Nahm mein Glas und trank, ohne ihn dabei anzusehen – meine Hände zitterten.

Zufrieden grinsend lehnte er sich zurück.

Ich räusperte mich, während ich Block und Stift aufhob. »Was ist deine größte Stärke?«

Er verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. Trotz des schwarzen Pullovers kam seine breite Brust unglaublich gut zur Geltung. Ich war einen kurzen Moment enttäuscht, dass ich nicht auf sein Angebot eingegangen war, seine Nummer aufzuschreiben.

»Ich bin ein ganz passabler Drummer.«

»In der Band deines Bruders?«

Thomas nickte.

»Das ist deine größte Stärke?«

Er grinste, lehnte sich wieder nach vorn zu mir und hauchte: »Du wolltest meine Nummer nicht aufschreiben. Ich hätte dir gern meine Vorzüge persönlich gezeigt.«

»Es ist sehr warm hier drin.« Ich grinste dämlich und stand auf, um ein Fenster zu öffnen, und blieb direkt davor stehen. »Was magst du gar nicht?«

»Im Mittelpunkt zu stehen.«

»Das tust du hier aber gerade.«

»Zu zweit ist es in Ordnung.« Er musterte mich erneut und lächelte wissend. »Aber auf Konzerten überlasse ich das Rampenlicht gern Derek und Evan.«

»Verstehe.« Ich schloss das Fenster und setzte mich wieder auf meinen Platz. »Nach welchem Motto lebst du?«

»Nutze jede Gelegenheit.«

Ich schluckte und fragte nicht nach, was er damit genau meinte. »Glaubst du an Schicksal?«

»Nein, denn dann wärst du nicht verheiratet.« Er lächelte sehr breit, als ich ihm einen verärgerten Blick zuwarf. Thomas sah so unschuldig dabei aus, dass es beinah gruselig wirkte, wie schnell er zwischen dem höflichen Gentleman und dem notgeilen Raubtier wechseln konnte.

»Welche drei Dinge im Leben sind dir am wichtigsten?«

»Mein Freiraum, mein Pick-up und mein Grammophone.«

Ich nickte. »Und welche drei Dinge bringen dich auf die Palme?«

»Weniger Dinge – eher Menschen.«

»Welcher Art?«

»Schwer zu sagen. Mich nervt es, dass ich oft falsch verstanden werde. Snobs kann ich auch nicht leiden und verklemmte, aber insgeheim lüsterne alte Schachteln erst recht nicht.«

»Das lass’ ich gelten.« Grinsend sah ich auf meinen Block, während ich Notizen machte.

»Wer ist die wichtigste Person für dich und warum?«

Seine Miene wurde etwas ernster. »Mein Bruder. Ohne ihn wäre ich tot oder im Knast.«

»Darf ich fragen warum?«

Er nickte. »Ich nahm gern Drogen als Teenager. Als unser Vater …« Er machte eine kurze Pause. »…starb, ging es richtig bergab mit mir. Ich habe nur Scheiße gebaut. Evan half mir auf die Beine.«

»Das klingt nach einer tollen Bindung zu deinem Bruder. Schön, dass er für dich da war.«
 Thomas nickte. »Er ist es immer noch.«

»Respekt muss man sich verdienen – wer hat sich deinen verdient?«

»Evan. Ich kenne keinen Menschen, der so viel Respekt verdient wie er. Er hat einfach alles im Griff.«

»Rivalität – wer ist dein größter Widersacher?«

»Ich lebe in keiner Rivalität – mit niemandem. Wenn ich einen Widersacher habe, dann ist es meine Dummheit.« Er strich sich mit der linken Hand über die Haare und grinste.

Diese Frage interessierte mich brennend. »An wen hast du dein Herz verloren?«

Thomas lachte und setzte dann seinen Schlafzimmerblick auf.
»Noch an niemanden, aber wenn du möchtest, kann ich es bei dir versuchen.« Er wackelte mit den Augenbrauen und ich musste lachen.

»Danke, ein Naturbursche reicht mir.«

Er grinste und senkte seinen Blick. Für einen Moment wirkte er eins zu eins wie Evan, nur eine dunkelhaarige Version von ihm, mit extra Muskeln aufgepimpt.

»Magst du die Welt, in der du lebst?«

Er lehnte sich wieder mit den Händen hinter seinem Kopf zurück. »Joah, so ziemlich. Manches könnte besser sein, aber ich mag mein Leben in dieser Welt ganz gern so, wie es gerade ist.«

»Hast du einen Lieblingsort?«

Seine Augen fingen an zu funkeln. »Ja, ich bin wirklich gern draußen in den Sümpfen oder am Meer. Ich verbringe sehr viel Zeit allein in der Natur. Am Canaveral National Seashore bin ich am liebsten.«

»Da fahre ich bestimmt auch mal die Tage hin.«

»Allein?«

»Ja, ich denke besser allein.«

Thomas grinste.

»Welche Jahreszeit magst du am liebsten?«

»Ich hab’ mein ganzes Leben hier in Florida verbracht. Ich mag es warm. Besonders die Zeit um den Spring Break herum.« Er grinste immer noch.

Die kommende Frage würde interessant werden. »Ängste und Phobien – was löst in dir Panik aus?«

»Ich kann es mir nicht vorstellen, Vater zu werden. Der Gedanke, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, ist der pure Horror. Ich bin schon nicht in der Lage, eine langfristige Beziehung mit einer Frau einzugehen. Ein Kind wäre der ultimative Super-GAU. Von daher: ohne Kondom, ohne mich.«

Das war sehr ehrlich und man wusste als Frau umgehend, woran man bei ihm war. »Aber Kondome sind auch nicht zu hundert Prozent sicher.«

»Das stimmt, aber ich habe ein gutes Näschen.« Er tippte sich auf seine große, gebogene Nase.

»Du kannst die fruchtbaren von den unfruchtbaren Tagen bei einer Frau unterscheiden?« 

Er nickte zufrieden.

»Was unternimmst du, wenn dir so richtig langweilig ist?« 

»Wenn ich mich wirklich langweile, trainiere ich. So ein Körper kommt nicht von ungefähr.« Er legte beide Arme auf die Lehnen und sah sehr selbstzufrieden dabei aus. Auch vollständig in seinen legeren Look gekleidet, konnte man seinen perfekt trainierten Körper gut erahnen.

»Was machst du, um dich aufzuheitern, wenn du mal traurig bist?«

Er setzte sich aufrechter hin und lächelte wieder unschuldig. »Ich weiß, das klingt jetzt widersprüchlich, aber ich verbringe dann gern Zeit mit Amira, der Tochter meines Bruders. Sie ist ein Sonnenschein und sorgt immer für gute Laune.«

Ich lächelte zurück. »Also bist du keiner, der Kinder hasst, du fürchtest dich aber vor der Verantwortung?« 

»Das würde ich so unterschreiben.«

»Worauf willst du nie wieder verzichten?« Ich bereute die Frage beinah, während ich sie ausgesprochen hatte.

Thomas grinste wieder. »Ich weiß, was du denkst.«

Das glaubte ich ihm sofort, so wie ich meine Augen verdreht hatte.

»Es sind Schuhe, ich kann echt nicht mehr auf gutes, stabiles Schuhwerk bei der Arbeit verzichten.« Er lachte und ich stimmte mit ein.

»Gibt es etwas, was du aus deiner Kindheit vermisst?«

Er lehnte sich leicht nach vorn und sprach im Flüsterton. »Sag’ es ihm bitte nicht, aber ich vermisse es, dass er mir vorsingt. Nur für mich. Er tat es immer, wenn es mir schlecht ging, oder ich Angst hatte.«

»Evan?«

Thomas nickte und sah leicht verlegen aus.

Ich brauchte eine Weile, bevor ich die nächste Frage vorlas. Es faszinierte mich, wie lieb er eigentlich war, obwohl er auf den ersten Blick so furchteinflößend wirkte. »Hast du Ziele in deinem Leben?«

Thomas ließ sich gegen die Lehne sinken. »Nicht wirklich. Ich habe einen guten Job, spiele in einer Band und genieße mein Leben. Das kann gern so bleiben.«

»Es ist schädlich, nur Siege und keine Niederlage zu kennen – was war dein schlimmster Misserfolg?«

»Puhhh.« Thomas strich sich wieder mit Links über die zusammengebundenen Haare. »Als Jugendlicher habe ich ganz schön viel Mist gebaut.«

»Fällt dir etwas Spezifisches ein?«

»Nicht wirklich. Ich war ständig zugedröhnt. Du solltest besser Evan fragen, der könnte dir bestimmt einiges aufzählen.«

»Und was aus den letzten Jahren?«

»Da gab es mal eine Rettungsaktion vor drei Jahren in einem Abwasserschacht. Ein Hund war reingefallen. Leider war gerade Hochwasser und wir haben es nicht geschafft, ihn rechtzeitig rauszuholen. Das tat mir leid. Wir finden oft tote Tiere nach einem Hurrikane, aber es ist besonders frustrierend, wenn das Tier während der Rettungsaktion verstirbt.«

So viel Mitgefühl hatte ich ihm nicht zugetraut. »Wie gut kannst du beim Spielen verlieren?«

Thomas lachte. »Ich bin kein besonders guter Verlierer. Es frustriert mich und ich zieh’ mich dann lieber zurück. Daher lasse ich mich nicht oft auf solche Spiele ein.«

»Wann hast du das letzte Mal eine Regel gebrochen?«

»Das ist schon echt lange her. Seit meinem Studium bleibe ich lieber auf der sicheren Seite. Schon allein, um meinen Bruder nicht zu enttäuschen.«

Diese Antwort hatte ich nicht erwartet. Es steckte wohl mehr Gutes in Thomas, als gedacht. »Welchen Titel würde deine Biografie tragen?«

»Das Leben in einem Feuchtgebiet.«

Gut, dass er deutsche Literatur nicht kannte, aber ich war mir sicher, dass er es trotzdem zweideutig meinte. Wir grinsten beide.

»Was ist das Seltsamste an dir?«

»Dass ich Dokumentationen über Spielfilme bevorzuge. Ich sehe wirklich selten fern und höre lieber Musik.«

»Wärst du lieber intelligent oder gutaussehend?«

Thomas lachte auf. »Ich bin zufrieden mit meinem Aussehen und mit mehr Intelligenz kommt mehr Verantwortung. Das passt so.«

»Du hast immerhin studiert.«

Er grinste. »Ja, vollkommen verblödet bin ich nicht.«

Seine Mischung aus Selbstbewusstsein, aber auch Selbstironie war sexy. »Wenn du ein magisches Wesen sein könntest, welches wärst du?«

Thomas streckte sich und streifte über seine Brust. »Ich bin magisch genug.«

Ja, da konnte ich ihm nicht widersprechen. »Das waren alle Fragen, vielen Dank.«

»Gern wieder.« Er stand auf und verabschiedete sich wie sein Bruder mit einem Handkuss. Mir wurde direkt wieder heiß, als seine Lippen meinen Haut berührten. Er lächelte mich wissend an. »Es ist wirklich eine Schande, dass du verheiratet bist.« Dann wendete er sich von mir ab und ging.