Rebecca

Das Interview

Rebecca - 36 Jahre


Als Dritte im Bunde kam Rebecca zu mir. In dem Moment, als sie
den Raum betrat, wirkte sie sehr selbstbewusst und hatte eine beruhigende Ausstrahlung. Freundlich begrüßte sie mich mit einer Umarmung und setzte sich. Sie nahm gleich einen Schluck Wasser.

»Stell dich doch bitte vor. Wie heißt du und wie alt bist du?«

Sie lächelte warm. »Mein Name ist Rebecca Elena Wyss und ich bin 36 Jahre alt.«

»Du bist adoptiert? Entschuldige, wenn ich mit der Tür ins Haus falle.«

Sie grinste. »Kein Thema. Ja, ich wurde von einer Schweizer Familie adoptiert.«

»Ahhh, die schöne Schweiz, an die hatte ich bei dem Namen schon gedacht. Ich bin auch dort aufgewachsen.« Sie nickte mir zu. »Was machst du beruflich?«
»Ich bin Goldschmiedin.«

Jetzt fiel mir auf, dass sie einiges an Schmuck trug. Eine sehr spezielle Halskette mit einem Anhänger, in dem ich das Logo von ›Instant Sound‹, der Band von Evan, erkannte. Einige Armreife und Ringe sowie Ohrringe, die ab und zu durch ihr schwarzes Haar blitzen, konnte ich ebenfalls entdecken. »Hast du alles selbst gemacht, was du an Schmuck trägst?«

Sie nickte.

»Was ist deine größte Stärke?«

»Es ist sehr schwer, mich aus der Fassung zu bringen. Auch in brenzlichen Situation bewahre ich Ruhe.«

Mit ihrer Ausstrahlung überraschte mich das nicht. »Was magst du gar nicht?«

»Menschen, die sich für etwas Besseres halten.«

Ich nickte. »Nach welchem Motto lebst du?«

»Selbst ist die Frau.«

»Das klingt nach einer Powerfrau.«

»So fühle ich mich zwar nicht, aber die Bezeichnung höre ich oft. Ich habe einfach gelernt, mein Leben in die Hand zu nehmen und meinen Willen durchzusetzen.«

»Glaubst du an Schicksal?«

»Sollte ich? Ich schließe es nicht pauschal aus, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es sowas gibt. Das klang jetzt sehr agnostisch.« Sie lächelte warm.

»Welche drei Dinge in deinem Leben sind dir am wichtigsten?«

»Ich liebe meine Werkstatt, mein Piano und generell das Haus.«

»Das Haus ist dein Eigentum?«

»Unseres. Ich habe es zusammen mit Lena gekauft, aber wir zahlen es noch ab.«

»Welche drei Dinge bringen dich so richtig auf die Palme?«

Sie lachte. »Ich habe doch gesagt, ich bin nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Aber ich hasse es, für dumm verkauft, herablassend oder ignorant behandelt zu werden – besonders wegen meiner Hautfarbe.«

»Selbst ich habe ab und zu Probleme damit, wegen meines Nachnamens. Für dich muss das noch viel schwieriger sein.« 

Sie zuckte mit den Schultern. »Daran wird sich wahrscheinlich nie etwas ändern.«

Ich nickte zustimmend. »Wer ist die wichtigste Person in deinem Leben und warum?«

Ihr Gesicht hellte sich auf. »Das ist Lena. Mit ihrem lebhaften und fröhlichen Wesen macht sie für mich jeden Tag schöner und erträglicher.«

»Erträglicher?« Ich war etwas verwirrt.

»Ich leide seit meiner Jugend an Depressionen und habe oft ziemlich düstere Gedanken. Lena schafft es, die Dunkelheit und Einsamkeit in mir zu vertreiben.« Ihr Blick schweifte ins Leere.
»Sie geht mir manchmal tierisch auf die Nerven, aber ich weiß gar nicht, ob ich alles ohne ihre Motivation erreicht hätte. Sie bedeutet mir wirklich unglaublich viel.« Rebecca sah mich wieder an und lächelte breit.

»Respekt muss man sich verdienen, wer hat deinen verdient?«

»Ich habe Respekt davor, dass Lena nie ihre gute Laune und positive Art verloren hat, egal was für schlimme Erfahrungen sie in ihrem Leben gemacht hatte.«

»Ja, sie schien mir sehr vorbelastet zu sein.« 

»Das ist sie. Ich hätte mich an ihrer Stelle schon längst umgebracht.« Rebecca sah mich sehr ernst an.

»Ich bin froh, dass ihr euch gegenseitig habt.«

»Ich auch.«

»Rivalität – wer ist dein ärgster Widersacher?«

»Die Gesellschaft.«

Ich nickte zustimmend. »Wem gehört dein Herz?«

Ihre Wangen wurden rot. »Das kann ich nicht sagen.«

»Wir sind unter uns.«

Rebecca schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube, er weiß gar nicht, dass ich existiere.«

»Er … oh.«

»Oh?«

»Entschuldige, ich habe etwas verwechselt.« Ich tat so, als ob ich ein paar Notizen machen würde, und sah sie wieder an. »Keine Chance, dass du es mir verrätst?«

Sie schüttelte den Kopf, griff aber nach ihrer Halskette.

»Ich verstehe. Tall, blond and gorgeous.«

»Hey!«

»Von mir wird es niemand erfahren.« Ich zwinkerte Rebecca zu, die ihr Gesicht in den Händen vergrub. »Magst du die Welt, in der du lebst?«

Sie blickte durch ihre Finger hindurch. »Ja, die ist schon in Ordnung. Trotz aller Hindernisse habe ich, was auch immer ich brauche. Viel zu viele Menschen sind unzufrieden, egal was sie alles erreicht haben.« Rebecca senkte ihre Hände, setzte sich wieder aufrecht hin und trank etwas Wasser.

»Da hast du recht. Hast du einen Lieblingsort?«

»Ja, ich liebe es, an meinem Piano zu sitzen. Ich weiß, die Mehrheit antwortet hier bestimmt mit einem wunderschönen Platz in der Natur, aber ich mag es, zu spielen. Die Musik bringt mich an jeden Ort der Welt.«

»Stimmt, damit antworten die Meisten. Ich würde gern hören, wie du spielst.«

Sie grinste. »Ach, wirklich gut bin ich nicht, aber ich hatte jahrelang Unterricht in meiner Kindheit und Jugend.«

»Welche Jahreszeit magst du am liebsten?«

»Ich bin ein Sommermensch. Ich liebe es warm und die Sonne hilft meinem Gemüt.«

»Ängste und Phobien – was löst in dir Panik aus?«

»Es ist total dumm, aber ich erschrecke mich immer tierisch vor Spinnen.« Sie lachte.

»Es gibt schlimmere Phobien als das.«

Rebecca nickte.

»Was unternimmst du, wenn dir so richtig langweilig ist?«

»Dann gehe ich zu Lena, ihr fällt immer irgendetwas ein und das vertreibt sofort jede Langeweile.« 

»Was machst du dagegen, wenn du traurig bist?«

»Dasselbe. Ich verbringe Zeit mit Lena.«

»So eine innige Freundschaft ist wirklich etwas Besonderes.« Ich lächelte sie an, denn ich wusste, wie viel so eine Freundschaft wert war. »Worauf willst du nie wieder verzichten?«

»Auf Musik. Ich könnte in keiner Welt ohne Musik leben.«

»Das hilft bei Depressionen.«

»Richtig.«

»Gibt es etwas aus deiner Kindheit, dass du vermisst?«

»Den Urlaub mit meinen Eltern habe ich immer geliebt. Wir haben viele schöne Orte besucht und es war eine sehr unbeschwerte Zeit.«

»Oh, das glaube ich gern.«

»Ja, den Urlaub selbst zu buchen und zu bezahlen, hat nicht mehr den gleichen Reiz.« Sie lachte und ich stimmte mit ein.

»Hast du Ziele in deinem Leben?«

»Ja, definitiv. Ich würde mir gern einen Namen als Goldschmiedin machen und international bekannt werden.«

»Ehrgeizig, das finde ich gut!«

Sie grinste breit.

»Es ist schädlich, nur Siege und keine Niederlage zu kennen – was war dein schlimmster Misserfolg?«

»Diese Fragen haben es in sich. Misserfolge gibt es immer auf dem Weg zum Erfolg.«

»Das stimmt.«

»Meine erste Messe, auf der ich mit meinem Schmuck war, war der Horror. Fünf Tage Volksfest und ich habe nur ein Paar Ohrringe verkauft. Es war fürchterlich frustrierend. Ich dachte, was ich mache, ist nicht gut genug. Ich wollte am liebsten komplett damit aufhören, Schmuck herzustellen.«

»Oh je, zum Glück hast du das nicht. Weißt du, woran es lag?«

»Ja, am falschen Klientel. Die Meisten wollten nur saufen und billigen Ramsch. Ich stelle keinen Plunder her.«

»Von der richtigen Zielgruppe hängt alles ab. Wie gut kannst du beim Spiel verlieren?«

»Ich habe kein Problem zu verlieren, deswegen lasse ich Lena oft gewinnen.«

»Das ist wirklich lieb von dir. Und wann hast du das letzte Mal eine Regel gebrochen?«

Rebecca lachte und strich sich eine Strähne hinters Ohr. »Ich hab’ ehrlich gesagt keine Ahnung und bin ganz gut ohne Regelbrüche durchs Leben gekommen. Na vielleicht bin ich mal bei Rot über die Ampel gelaufen oder sowas Ähnliches.«

»Gewagt, in Deutschland bei Rot zu Fuß eine Straße zu überqueren.« Wir lachten beide. »Welchen Titel würde deine Biografie tragen?«

»I’m unstoppable.«

Ich nickte beeindruckt. »Was ist das Seltsamste an dir?«

»Wahrscheinlich mein Fangirlen bei ›Instant Sound‹. Es ist mir manchmal so peinlich. Besonders jetzt bei diesem Gespräch.« Sie vergrub wieder ihr Gesicht in den Händen.

»Alles gut, wir sind alle manchmal ein bisschen merkwürdig.«

»Oh Gott, aber doch nicht so.«

Ich musste ein Lachen unterdrücken. »Nächste Frage: Wärst du lieber intelligent oder gutaussehend?«

Sie linste wieder durch ihre Finger und senkte dann ihre Hände. »Ich wäre wirklich sehr gern schlank.«

»Du sieht doch gut aus, so wie du bist.«

»Hmmm klar, wenigstens bin ich nicht dumm.«

»Ich meinte das ernst.«

»Deswegen fühle ich mich in meinem Körper auch nicht besser.«

Ich nickte, ich verstand sie einfach zu gut. »Wenn du ein magisches Wesen sein könntest, welches wärst du dann?«

»Ich würde mich gern wie Lena verwandeln können, in einen Tiger zum Beispiel.«

»Roarrr! Das wäre echt cool. Vielen Dank für das Interview, das war die letzte Frage.«

»Sehr gern.«

Wir umarmten uns zum Abschied.