Lena

Das Interview

Lena - 28 Jahre


Als Erste interviewte ich natürlich die wichtigste Protagonistin – Lena. Eine sehr sympathische, junge Frau, die freudestrahlend in den Raum kam und mich fest umarmte, als wären wir gute Freunde. Ich forderte sie auf, sich zu setzen, was sie prompt tat.

»Stell dich doch kurz vor. Wie heißt du und wie alt bist du?«

»Ich heiße Lena Enders und bin 28 Jahre.« Sie lächelte dabei sehr lieb.

»Was machst du beruflich?«

Sie überkreuzte ihre Beine und hielt ihr Knie mit den ineinander verschränkten Händen fest. »Ich bin selbständig als Webdesignerin und Social Media Dienstleisterin.«

»Oh, was macht man da?«

»Ich übernehme die Pflege der Social Media Accounts und Webseiten von Firmen.«
»Das klingt interessant.« Ihr Lächeln war ansteckend und ich musste unwillkürlich grinsen. »Was ist deine größte Stärke?«

Sie überlegte kurz. »Ich bin sehr kreativ und kommunikativ. Das ist in meinem Beruf natürlich viel wert.« Sie hielt sich die zarte Hand vor den Mund und lachte. »Sich mit Menschen unterhalten, ohne dabei das Haus verlassen zu müssen, ist super.«

Auch ihr Lachen war ansteckend. »Was magst du gar nicht?«

»Ich mag es nicht, in großen Menschenmengen zu stehen und bedrängt zu werden.«
Ich nickte verständnisvoll. Bei ihrer geringen Körpergröße wunderte mich das nicht. Da geht man leicht unter. »Nach welchem Motto lebst du?«
»Carpe diem – nutze den Tag.«

»Ein schönes Motto, und funktioniert das?«

Sie lächelte verlegen. »Nein, nicht immer, ich bin ziemlich chaotisch.«

»Glaubst du an Schicksal?«

Eine leichte Zornesfalte zeigte sich zwischen ihren Augenbrauen. »Nein, ich glaube nicht daran, denn dann wäre die Schicksalsgöttin ziemlich unfair.«

»Welche drei Dinge in deinem Leben sind dir am wichtigsten?«

»Hmmm … ohne meinen Laptop kann ich schlecht leben, sonst bin ich nicht so materiell. Ich mag es, mein eigener Chef zu sein und mit Rebecca zusammenzuleben.«

»Das kenne ich von mir, ich mag es auch nicht, für andere zu arbeiten.« 

Sie trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, das ich ihr hingestellt hatte. »Welche drei Dinge bringen dich so richtig auf die Palme?«

»Oh, ich hasse misogyne, rassistische oder homophobe Arschlöcher. Zählt das als drei?«

Ich nickte lächelnd. »Wer ist die wichtigste Person für dich?« Mir entging nicht, dass sie leicht errötete.

»Rebecca.«

»Und warum?«

»Sie ist immer für mich da, egal was ich gerade durchmache und wie schwierig ich bin. Ich fühle mich in ihrer Gegenwart geborgen. Eigentlich gibt es keinen weiteren Menschen, dem ich so sehr vertraue wie ihr.«

»Das klingt nach einer wirklich tollen Freundschaft.«

Sie stimmte mit einem »Hmhm.« zu und trank ihr Wasser aus. 

»Soll ich nachfüllen?« Lena nickte. Ich stand auf, holte die Karaffe und schenkte ihr ein.

»Respekt muss man sich verdienen. Wer hat deinen verdient?«

»Ich habe nicht besonders viele Freunde, daher ist das auch Rebecca.«

Ich lächelte sie an. Unfassbar, dass so eine hübsche und liebe junge Frau kaum Menschen in ihrem Leben hatte. »Hast du denn einen Rivalen?« 

Sie kicherte kurz. »Wen denn außer mir selbst?«

»Du bist sehr selbstkritisch?« 

Lena seufzte. »Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr. Ich halte mich bei nichts für gut genug.«

»Das tut mir leid, aber ich bin mir sicher, das trifft nicht zu.«

Sie spielte verunsichert mit ihrem langen, offenen Haar.

»Wem gehört dein Herz?«

Lena senkte ihren Blick. Jetzt wurden ihre Wangen feuerrot. Ganz leise nuschelte sie: »Becca.«

»Für dich ist es mehr als Freundschaft?«

Sie nickte verlegen.

»Und für Rebecca?«

Lena zuckte mit den Schultern und schaute an die Zimmerecke. »Es bahnt sich vielleicht was an, aber ich weiß es nicht wirklich.«

Ich blickte sie verständnisvoll an und bohrte nicht mehr weiter.

»Magst du die Welt, in der du lebst?«

»Nicht wirklich. Menschen sind grausam und es fällt mir schwer, damit klarzukommen.«

Ich seufzte. Wenn sie nur ahnen könnte, wie sehr ich diese Antwort nachvollziehen kann. »Hast du einen Lieblingsort?«

Ihr Gesicht erhellte sich umgehend. »Oh ja. Wir haben einen Steinbruch in der Nähe, der an einen Wald grenzt. Ich liebe es, dort zu sein und am Rand des Abgrundes zu sitzen. Ich genieße es, den Kröten bei ihrem Gesang zuzuhören und die Vögel über mir fliegen zu sehen.«

»Wow. Das klingt toll.«
»Vielleicht kommst du uns mal besuchen? Dann zeige ich dir den Ort.«

»Das würde ich wirklich gern machen.« Ich kritzelte auf dem Block, anstatt Notizen zu machen. Dann räusperte ich mich, sah zu ihr und stellte die nächste Frage: »Welche Jahreszeit magst du am liebsten?«

»Ich liebe den Sommer!« In ihrer Stimme lag so viel Enthusiasmus, dass ich nachhaken musste. Sie grinste verlegen. »Ich hab’ dann kaum was an und kann mich sehr schnell zum Wandeln ausziehen, ohne dabei zu erfrieren.« Sie lachte und ich lachte unwillkürlich mit.

»Ängste und Phobien – was löst in dir Panik aus?«

Lenas Lächeln erstarb bei der Frage. »Ich leide sehr stark unter meinem PTBS, es gibt viele Dinge, die mich triggern.«

»Darf ich eine Sache davon erfahren?«

Sie senkte ihren Blick und nickte. »Ich gerate sehr schnell in Panik und in eine Schockstarre, wenn mir ein Mann ohne meinen Willen zu nah kommt und mich, ohne zu fragen, anfasst. Ich bekomme dann oft nicht mal mehr ein Wort heraus.«

»Das tut mir leid. Und weil du nicht nein sagst, wird es als ja interpretiert?« Sie sah mich immer noch nicht an, aber nickte.

Ganz leise und mit brüchiger Stimme fügte sie noch hinzu: »Ich bin leider viel zu klein, um mich überhaupt wehren zu können.«

Am liebsten hätte ich sie tröstend in den Arm genommen, als ich sah, wie sie auf den Boden starrte und immer wieder über ihren Arm streifte. Ich wechselte lieber das Thema. »Was machst du, wenn dir so richtig langweilig ist?«

Sie sah etwas verwirrt aber lächelnd auf. »Ich gehe laufen.«

»Verwandelt?«

Lena nickte.

»Und was heitert dich auf, wenn du traurig bist?«

Sie wirkte wieder fröhlich. »Meistens Rebecca. Aber ich mag auch die Reaktion von Fremden auf meine Wandlergestalt. Da ist schon einiges Lustiges passiert.«

Ich lächelte wissend. »Worauf willst du nie wieder verzichten?«

»Auf Leggings. Andere Hosen spannen immer so, wenn ich mir den Bauch vollgeschlagen habe.« 

Diese Antwort kam so unerwartet, dass ich beinah das Wasser vor Lachen ausgespuckte hätte, das ich gerade trank. »Gibt es etwas, was du aus deiner Kindheit vermisst?«

Lena schüttelte heftig den Kopf. »Nein, überhaupt nicht.«

Ich wollte nicht riskieren, dass sie erneut so emotional wurde, und gab mich mit der Antwort zufrieden. »Hast du Ziele in deinem Leben?« Ich merkte schon bei der Frage, dass es für sie nicht leicht sein würde, diese zu beantworten.

Sie senkte den Blick. »Entscheidungen zu treffen fällt mir sehr schwer, da ich so oft die falschen in meinem Leben getroffen habe. Daher denke ich nicht viel über meine Zukunft nach. Ich bin froh, dass ich gerade gut mit mir selbst klarkomme, meine Finanzen im Griff und keine größeren Sorgen habe. So darf es gern bleiben – das wäre ein Ziel von mir.«

»Hmmm«, summte ich verständnisvoll. »Es ist schädlich, nur Siege und keine Niederlage zu kennen – was war dein schlimmster Misserfolg?

Sie sah mich etwas genervt an. »Diese Fragen sind schon etwas ironisch, nicht? Mein ganzes Leben ist ein einziger Misserfolg, nur Rebecca konnte daran etwas ändern.«

Ich lächelte verlegen. »Sorry, ich habe sie mir nicht ausgedacht. Du musst sie nicht beantworten.«

Sie nickte und streifte sich mit der Hand über ihren Schenkel, als würde sie Dreck abstreifen.

»Wie gut kannst du im Spiel verlieren?«

Gequält lachte sie auf. »Wäre ich eine schlechte Verliererin, wäre mein Leben wohl noch beschissener verlaufen.«

Ich nickte. »Vielleicht ist diese Frage eher was für dich. Wann hast du das letzte Mal eine Regel gebrochen?«

Lena lächelte wieder, zwar etwas zögerlich, aber besser als gar nicht. »Das ist zum Glück schon ziemlich lange her, das letzte Mal war mit zwanzig.«

»Hatte sich da was bei dir geändert?«

»Ja, da habe ich Rebecca persönlich kennengelernt.«

»Wie würde der Titel deiner Biografie lauten?«

Sie grinste. »Shit Happens – Deal with it.«

Ja, das klang passend. Sie tat mir leid, aber es schien jetzt besser für sie zu laufen. »Was ist das Seltsamste an dir?«

»Die Menschen denken, ich sei sportlich und würde auf meine Ernährung achten, aber ich bin furchtbar verfressen, liebe Junkfood und ich hasse Sport. Ich bin unglaublich faul. Könnte ich mich nicht wandeln, würde ich am liebsten nie aus dem Haus gehen.« Sie grinste verlegen.

»Wärst du lieber intelligent oder gutaussehend?« 

Sie lachte auf. »Menschen halten mich für gutaussehend und laut Tests im Heim bin ich hochbegabt, gebracht hat mir beides nichts.«

»Wenn du ein magisches Wesen sein könntest, welches wärst du?«

Sie sah mich ernster an. »Ich wäre gern normal.«

»Danke liebe Lena, das waren alle Fragen.«

»Gern.« 

Wir standen beide auf und ich nahm sie fest in den Arm. Dann verließ sie wortlos den Raum. Ich fühlte mich schlecht, dass die Fragen sie so aufgewühlt hatten.