Evan

Das Interview

Evan - 43 Jahre


Als Zweiten interviewte ich Evan und bei ihm war ich besonders nervös. Da kam er schon lächelnd in den Raum, umarmte mich kurz zur Begrüßung und setzte sich ohne Aufforderung auf den Sessel mir gegenüber. Sanft strich er sich eine widerspenstige Strähne hinters Ohr und schaute mich auffordernd an. Seine Präsenz war beeindruckend und machte es mir schwer, die richtigen Worte zu finden.

Ich räusperte mich. »Stell dich doch kurz vor. Wie heißt du und wie alt bist du?«

Für eine Sekunde senkt er den Blick und schaut mich danach durchdringend an. Sein warmes Lächeln brachte mich umgehend dazu, auf den Block zu starren und sinnlos zu kritzeln. »Mein Name ist Evan Escobar Leal Tabares und ich bin 43 Jahre alt.«

Ich sah zögerlich hoch. »Das klingt sehr hispanisch.«

»Ja, das ist es auch. Meine Eltern kamen aus Kolumbien. Zum Glück waren sie weise genug, mir einen US-amerikanischen Rufnamen zu geben.«

»Ich möchte nicht unhöflich klingen, aber man sieht es dir nicht an.«

Er lachte. »Das höre ich oft, aber ich habe mir meine helle Haut und blonden Haare nicht ausgesucht. Andererseits ergeben sich dadurch keine Nachteile für mich.«

Langsam taute ich in seiner Gegenwart auf, er war extrem charismatisch. »Was machst du beruflich?«

Er nahm einen Schluck Wasser, das ich ihm hingestellt hatte, bevor er mir antwortete. »Ich bin CEO bei einem milliardenschweren Forstunternehmen in Kolumbien, das ich von meinem Vater geerbt  habe. Außerdem bin ich studierter Musiker und Sänger.«

»Oh. Ich dachte, du bist eher naturverbunden, das passt nicht so zum Forstunternehmen.«

»Zehn Prozent des kolumbianischen Regenwaldes gehören meinem Unternehmen. Ohne diese rechtliche Grundlage und die Rangern, die ich angestellt habe, wäre um einiges mehr gerodet. Was wir an Holz fällen, wird auch umgehend wieder aufgeforstet.«

»Das klingt gut, aber nicht lukrativ.«
»Ich weiß schon, wie man Geld richtig anlegt und verwaltet, keine Sorge. Zehn Prozent klingt vielleicht nach wenig, aber ich gehöre damit zu den großen Playern im Amazonasgebiet.« Er verzog seinen linken Mundwinkel zu einem schiefen und wissenden Lächeln.

Ich machte mich besser an die nächste Frage. »Was ist deine größte Stärke?«

»In welchem Bereich? Ich habe viele und ich besitze keine statistische Auswertung, welche davon die Größte ist.«

Einen Moment war ich verwirrt, aber fand schnell wieder die Fassung. »Nenn mir wenigstens eine, die dir am ehesten einfällt.«

»Ich kann meine Stimme sehr gut einsetzen, ob gesanglich oder bei Verhandlungen.«

Da konnte ich ihm nicht widersprechen. Sein Bariton war einnehmend, wirkte auf mich aufputschend und beruhigend zugleich. »Was magst du gar nicht?«

»Die Frage ist sehr vage. Darf ich mit Miracle Whip antworten?«

Ich kicherte dämlich und nickte. »Nach welchem Motto lebst du?«

Er lehnte sich etwas im Sessel zurück und legte seine Hände hinter den Kopf. Das halb aufgeknöpfte Hemd spannte und ließ mich seine muskulöse, glattrasierte Brust samt einem goldenen Anhänger, der immer wieder  aufblitzte, sehen. »Ich lebe nach dem Motto, die Dinge, die ich erledigt haben möchte, selbst zu tun, sonst erfüllt das Ergebnis nicht meine Erwartungen.«

Ich nickte und schaute wieder auf meinen Zettel, nachdem ich endlich meinen Blick von seiner Brust lösen konnte. »Glaubst du an Schicksal?«

»Nein.«

Das war eine klare Antwort, und ich blätterte um. »Welche drei Dinge im Leben sind dir am wichtigsten?«

»Dinge? Ich liebe meinen Jaguar, meine Akustikgitarre und meine Villa.«

»Die habe ich auf Google Maps gesehen, sie ist wirklich sehr schön.«

»In echt ist sie noch viel schöner.« Er wirkte sehr zufrieden, als er das sagte.

»Welche drei Dinge bringen dich so richtig auf die Palme?«

Er stützte sich auf seine Knie und hob die rechte Augenbraue. »Schon wieder Dinge? Diese Fragen sind wirklich sehr unklar formuliert. Dinge regen mich eher selten auf.«

»Was bringt dich sonst auf die Palme?«

»Unzuverlässigkeit, schludrige Arbeit, Lügen.«

Sofort fiel mir auf, wie sich die Stimmung im Raum änderte, nur weil er aufzählte, was er nicht mochte. Seine Stimme, seine Körpersprache und sein Blick beeinflussten das Raumklima unbeschreiblich stark.

Ich nahm einen Schluck Wasser. Er lehnte sich wieder zurück und lächelte. Die Situation entspannte sich schlagartig.

»Wer ist die wichtigste Person in deinem Leben und warum?«

Sein Lächeln wurde breiter. »Meine achtjährige Tochter Amira. Sie ist mein Ein und Alles. Es gibt nichts Größeres für mich in meinem Leben als Kinder.«

»Amira ist ein Einzelkind?«

Sein Blick verfinsterte sich für einen Augenblick. »Leider.«

Ich verstand sofort, hier sollte ich besser nicht nachhaken. »Respekt muss man sich verdienen – wer hat deinen verdient?«

Er hob eine Hand nachdenklich an sein Kinn und fuhr sich einmal über den Bart. »Ben. Ja, Benjamin hat sich meinen Respekt verdient. Mit ihm habe ich die Band gegründet.« Evan senkte  seinen Blick, wirkte beinahe verlegen und lachte. Dann sah er mich wieder an. »Und mein Bruder Thomas, wenn er mir widerspricht. Das wagt außer ihm keiner.«

»Dann gehen wir doch noch einen Schritt weiter. Rivalität – wer ist dein ärgster Widersacher?«

Er lachte gehässig, sodass es mir kalt den Rücken hinablief. »Diese Person liegt unter der Erde. Ich habe keine weiteren Rivalen, niemand kann mit mir konkurrieren.«

Ich schluckte. »Dann vielleicht ein schöneres Thema. Wem gehört dein Herz?«

Evan lächelte wieder. »Hier sollte ich wohl meine Ehefrau Rosa nennen.«

»Das klingt nicht besonders überzeugt.«

»Nein, lügen fällt mir schwer. Mein Herz gehört meiner Tochter und sonst niemandem.«

Ich lächelte zurück. »Magst du die Welt, in der du lebst?«

»Ich hätte nichts gegen mehr Kinder, ansonsten bin ich sehr zufrieden.«

»Hast du einen Lieblingsort?«

»Ja, in der Tat habe ich den.«

»Wie sieht er aus und wo befindet er sich?«

»Ein Stück von meinem Grundstück entfernt, befindet sich hinter dem Teich im Wald ein Bach auf einer kleinen Lichtung. Da sitze ich gern, um dem Alltag zu entfliehen.«

»Das klingt schön.«

»Das ist es auch.«

»Welche Jahreszeit ist deine liebste?«

»Ich lebe in Florida und das ist gut so, denn ich mag es warm. Besonders das Frühjahr ist hier sehr schön.«

»Dann wieder ein ernsteres Thema. Wovor hast du Angst? Was versetzt dich in Panik?«

Er lachte laut auf. »Ich verspüre keine Angst – vor nichts. Aber wenn ein Gefühl dem nah kommen könnte, dann ist es Kontrollverlust. Der lockt mich aus meinen Reserven.«

Ich beobachtete diesen faszinierenden Mann ein wenig, bevor ich die nächste Frage stellte. »Was tust du gegen Langeweile?«

»Die kommt selten auf, ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Sollte es doch mal vorkommen, lenke ich mich mit meinem nächsten Arrangement ab und trainiere meine Stimmbänder.«

»Du singst?«

Evan grinste. »So kann man das auch sagen.«

»Was machst du, um dich aufzuheitern?«

»Ich verbringe dann gern Zeit mit Amira. In ihrer Gegenwart schlägt mein Herz immer höher.«

»Worauf möchtest du nie wieder verzichten?«

Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Auf meine Haarspülung.«

Ich musste umgehend an eine Drei-Wetter-Taft-Werbung denken und grinste. »Gibt es etwas, das du aus deiner Kindheit vermisst?«

»Meine drei Schwestern.« Seine Stimme zitterte leicht, deshalb ließ ich das Thema lieber sein.

»Hast du Ziele in deinem Leben?«

»Ich habe so ziemlich alles erreicht, was im Bereich des Möglichen liegt. Meine Ziele sind, den Lebensstandard für meine Familie zu halten, meine Firma weiterhin erfolgreich und ökologisch zu führen und mit der Band Musik zu machen.«

Ich traute mich bei seinem Selbstbewusstsein kaum, die nächste Frage zu stellen. »Es ist schädlich, nur Siege und keine Niederlagen  zu kennen. Was war dein schlimmster Misserfolg?«

Seine Miene wurde sehr ernst. »Ich habe es nicht geschafft, meine Mutter zu beschützen.«

Ich nickte verständnisvoll. Stumm wartete ich, bis er einen Schluck Wasser genommen und das Glas wieder hingestellt hatte. »Bist du ein guter Verlierer?«

Er lächelte. »Wenn der sehr seltene Fall eintritt, dass ich verliere, dann gönne ich es meinem Gegenüber.«

»Wann hast du das letzte Mal eine Regel gebrochen?«

Sein schiefes Grinsen zeigte sich wieder. »Sind Regeln nicht zum Brechen da? Ich glaube, ohne meinen Anwalt möchte ich nicht detaillierter auf diese Frage eingehen.«

Ich grinste zurück und nickte. »Wie würde der Titel deiner Biografie lauten?«

»Veni, vidi, comptus vici – ich kam, sah, meine Frisur siegte.«

Erneut entlockte er mir ein dämliches Kichern, aber seine Haare waren wirklich perfekt. »Was ist das Seltsamste an dir?«

»Viele sind etwas von meinem Musikgeschmack überrascht. Ich mag alte Klassiker im Bereich Jazz und Blues. Das ist die einzige Gemeinsamkeit, die ich an Interessen mit meinem Bruder teile.«

Ich lachte, als ich die kommende Frage durchlas. »Wärst du lieber intelligent oder gutaussehend?«

Auch Evan lachte herzlich los. Der tiefe Ton brachte mein Innerstes zum Vibrieren. Er schüttelte seinen Kopf, als er sich beruhigt hatte.
»Ich wurde mit beiden Attributen mehr als großzügig gesegnet.« Dann trank er sein Wasser aus.

»Wenn du ein magisches Wesen sein könntest, welches wärst du dann?«

Weich lächelnd sah er mir direkt in die Augen. Ich wurde wieder leicht nervös durch das Kribbeln, was er in mir auslöste.

»Ich bin genau das, was ich sein möchte.«

»Vielen Dank. Das waren alle Fragen.«

»Sehr gern.« Er stand auf, verabschiedete sich charmant mit einem Handkuss von mir und verließ den Raum.